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Susanne Meyer, Outdoorkurs leitend; sitzend auf Yogamatte
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Sironah Outdoorkurs im Bürgerpark, Yogaübung auf Matte
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Sironah Outdoorkurs im Bürgerpark, Yogaübungen auf Matte

Über unseren "Zeitsinn" und die Bewegung

Textkörper

UhrTage, Wochen, Jahre fliegen an uns vorüber und wir rasen durch unsere „To-Do-Listen“ im Alltag.
Zumindest fühlt es sich für viele von uns häufig so an.

Aber warum scheint die Zeit mit dem Älterwerden immer schneller zu vergehen?
Muss das so sein? Oder können wir unsere Zeitwahrnehmung eigentlich beeinflussen?
Und welche Rollen spielen dabei Bewegung und Social-Media?

Schon vor über 100 Jahren hat sich Thomas Mann in „Der Zauberberg“ mit diesem Phänomen befasst.
In seinem Roman fungiert die Zeitwahrnehmung als zentrales philosophisches Motiv und die absolute Subjektivität der Zeit wird zum Hauptthema.
Im Davoser Sanatorium „Berghof“ verliert die lineare, messbare „Flachland-Zeit“ ihre Gültigkeit und es entsteht eine sonderbare und eigenwillige Verzauberung der Zeit in der Abgeschiedenheit der Bergwelt.
Der Protagonist der Geschichte, Hans Castorp, lernt, dass sich die Zeitwahrnehmung durch den Gehalt an Erlebnissen verändert:
Monotonie und absolute Gleichförmigkeit (Tage ohne besondere Vorkommnisse) erzeugen extreme Langeweile. Einzelne Tage oder Wochen wirken wie eine Ewigkeit. Leere dehnt die Zeit aus.
Abwechslung hingegen lässt die Zeit schrumpfen. Ein ereignisreicher Tag vergeht im Erleben wie im Fluge.
Und hier entsteht das Paradox der Zeitwahrnehmung:
Der tatsächliche Moment der Langeweile kann sich ins Unermessliche ausdehnen, während in unserer Erinnerung diese langweiligen, monotonen Zeiten (die To-Do-Listen von Weinachten bis zu den Sommerferien) als sehr kurz erlebt werden.
Die Kurzweil hingegen, also das Unterhaltsame, Vielseitige und Abwechslungsreiche, lassen die Augenblicke wie im Fluge vergehen, wobei rückblickend ereignisreiche Wochen und Monate als lang und bereichernd empfunden werden.

Auch der Medizinpsychologe und kognitive Neurowissenschaftler, Marc Witmann, der seit über 30 Jahren über die menschliche Wahrnehmung der Zeit forscht, kommt zu ähnlichen Schlüssen.
Unser inneres Zeitempfinden hängt davon ab, wie viele neue Eindrücke wir verarbeiten – und wie stark diese Erinnerungen im Gedächtnis verankert werden.
"Vor allem die vergangenen zehn Jahre sind sensitiv für unsere Zeitwahrnehmung. Je älter wir werden, desto schneller gehen diese zehn Jahre vorüber. Dieser Effekt beginne in der Teenagerzeit und erreiche erst mit 60 bis 70 Jahren ein Plateau. In den 20ern, 30ern, 40ern und 50ern wird es stetig subjektiv schneller", berichtet der Wissenschaftler.

Für Kinder, Teenager und junge Erwachsene vergeht die Zeit häufig sehr viel langsamer. Die Zeit zwischen den Ferien erscheint endlos.
Das liegt u.a. daran, dass sie häufig einprägsame „Erste-Male“ erleben und zudem ihre neuronale Bildverarbeitung sehr schnell ist.
So erleben sie in relativ kurzer Zeit sehr viel und je mehr wir erleben und verarbeiten und je mehr Erinnerungen wir daran haben, desto länger erscheint uns rückblickend ein Zeitraum.
Mit zunehmendem Alter nimmt diese Verarbeitungsgeschwindigkeit ab. Wir registrieren weniger Bilder pro Tag. Erinnern uns somit an weniger Eindrücke und unsere im Gedächtnis gespeicherten Erlebnisse erscheinen kompakter und kürzer (weniger bunt und detailreich).
Die Kombination aus unserer Wahrnehmung, unserer Gedächtnisstruktur und unserer emotionalen Verarbeitung formt daraus unser subjektives Zeitgefühl.
Emotionen wirken dabei als „Klebstoff“ für unser Gedächtnis. Erleben wir intensive Gefühle während eines Ereignisses, verstärken und erhöhen wir die Reizverarbeitung, was wiederum zu einer subjektive Verlängerung der rückblickenden Zeitwahrnehmung führt. Die Erlebnisse „kleben“ besser im Gedächtnis fest, wir erinnern differenzierter und detailreicher.

Die Epoche von Thomas Manns Zauberberg haben wir definitiv verlassen und befinden uns jetzt bereits in der Zukunft. Mit einem turbulenten, schnellen Lifestyle, indem die Eintönigkeit und Langsamkeit des „Berghof“ Sanatoriums in Davos unwirklich und fantastisch erscheint.
Wie könnte heute ein Besuch, der für drei Wochen geplant war und sich dann zu einem siebenjährigen Kuraufenthalt entwickelt hat, noch möglich sein?

Unsere Gegenwart ist geprägt von Elektronik, dem Internet und Social-Media. Und diese Komponenten prägen unsere Zeitwahrnehmung maßgeblich.
Während viele von uns noch ein analoges Leben kennengelernt haben, sind unsere Kinder mit den neuen Techniken aufgewachsen. Und mittlerweile formen sie eine neue Realität und eine neue Wahrnehmung der Welt und unserer Zeit.
Und deshalb kommen hier noch ein paar Gedanken zu dem Einfluss von Social-Media auf unsere Zeitwahrnehmung, bevor wir uns im Anschluss näher mit der Wirkung von „Bewegung und Zeitwahrnehmung“ beschäftigen. Abschließend betrachten wir einige praktische Strategien zum „Dehnen“ der Zeit.

Professor Zhuanghua Shi, Leiter des Multisensory Perception Lab am Lehrstuhl für Neuro-kognitive Psychologie der LMU, erforscht, wie unser Gehirn Zeit konstruiert und wie Social-Media unser Zeitgefühl und unsere Erinnerung beeinflusst.
Klar ist schon mal, die Nutzung von Social Media verändert unsere Zeitwahrnehmung tiefgreifend: Sie lässt die Zeit beim Scrollen wie im Flug vergehen, während im Rückblick die Tage verschwimmen.
Die ständige Reizüberflutung, unendliche Feeds ("Infinite Scroll") und Dopamin-Ausschüttungen im Gehirn verzerren unser Zeitempfinden.
Durch die schnellen, unerwarteten Themenwechsel und personalisierte Inhalte, wird unsere Aufmerksamkeit extrem gefesselt und unser Gehirn beginnt die Zeit im aktuellen Moment zu komprimieren.

Hinzu kommt, dass durch die Unvorhersehbarkeit der ständig neuen und spannenden Inhalte (z. B. auf TikTok oder Instagram) unser Belohnungssystem massiv aktiviert wird. Es kommt zu einer positiven Überraschung und in Folge schüttet unser Gehirn Dopamin aus und belohnt so das Öffnen der App.
Dieser Mechanismus automatisiert dann unser Verhalten, da wir es (falsch) positiv bewerten.
Die App zu schließen und das Smartphone aus der Hand zu legen, fällt uns dadurch besonders schwer.

Und jetzt kommt es dann auch noch zu einem „Hang-Over-Effekt“.
Unsere Aufmerksamkeit lässt sich nach dem Schließen der App nicht sofort abschalten. Ein Teil des Gehirns bleibt oftmals noch im "Suchmodus" hängen, in der Erwartung eines neuen Dopamin-Kicks. Das wiederum führt unmittelbar zu Konzentrationsverlusten bei anderen Tätigkeiten.

Die tausend unzusammenhängenden, kurzlebigen und sensationslüsternen Informationen überfluten permanent unsere Wahrnehmung und haben dabei oft nicht einmal einen wirklichen Informationsgehalt. Große Ereignisse und kleine Banalitäten werden emotional auf dieselbe Stufe gestellt und hinterlassen ein verzerrtes Bild der Realität.

„Aufmerksamkeit prägt, wie wir Zeit erleben. Das Zeiterleben beeinflusst, was zur Erinnerung wird. Und Erinnerungen sind das Material, aus dem wir die Geschichte unseres Lebens zusammensetzen.“ So beschreibt es Professor Zhuanghua Shi.
Um ein erfülltes, sinnliches und „echtes“ Leben zu führen, fügt er noch an: „Zunächst einmal hilft es, das Smartphone außer Reichweite zu legen. Studien zeigen, dass selbst ein stummes Handy auf dem Schreibtisch im Hintergrund wie ein Aufmerksamkeitsmagnet wirken kann.“

Und damit kommen wir zum „echten“ Leben mit viel Bewegung und ihren Effekten auf unser Zeitempfinden.
Zunächst einmal: Ja! Bewegung beeinflusst unsere Zeitwahrnehmung auf mehrere Weisen.

Körperliche Aktivität erhöht den Fluss von Informationen im Gehirn. Während moderate Aktivität die Wahrnehmung der Zeit präzisieren kann, verzerrt extreme Anstrengung (Wettkampf, Notfall usw.) sie hingegen.
Abwechslungsreiche und vielfältige Bewegungen erfordern viel kognitive Kapazitäten, erhöhen bei regelmäßiger Praxis die Neuroplastizität unseres Gehirns und führen dadurch ebenfalls zu einer Dehnung der Zeit. 
Führen wir ein körperlich und sinnlich bewegtes Leben wird unser ganzes Körper-Geist-Seele-System angeregt.
Regelmäßiger Sport erhöht die Intensität unserer Sinneseindrücke und hat eine gründlichere Verarbeitung zur Folge. Dieses führt dann zu tieferen Erinnerungsspuren.
Und das haben wir ja schon am Anfang des Textes gelernt: Tiefere Erinnerungen dehnen die Zeit rückblickend aus.
Ein weiterer sehr wichtiger Faktor sind unsere Emotionen (wie auch schon eingangs erwähnt). Verbinden wir Erlebnisse mit Gefühlen werden sie nachhaltiger gespeichert. Und auch hier bekommt die Bewegung eine maßgebliche Rolle zugeteilt.
Bewegung in angenehmer Umgebung mit natürlichen Reizen senkt Stress ganz allgemein, aktiviert den Parasympatikus und lässt uns positive Emotionen stärker erleben. Und natürlich lässt Stressreduktion die Zeit auch langsamer erscheinen. 

Was können wir nun aus all diesen Erkenntnisse für unser praktisches Leben mitnehmen?
Hier habe ich mal eine kleine Aufstellung in Form einer Liste zusammengetragen (absolut kein Anspruch auf Vollständigkeit):

  • Emotionale Bindungen und soziale Interaktion
    • Bestehende Beziehungen vertiefen und neue Kontakte knüpfen, denn soziale Interaktion stimuliert das Gehirn.
    • Dinge tun, die Freude bereiten und emotional bedeutsam sind!
    • Mitgefühl mit sich selbst und anderen praktizieren.
  • Körperliche Achtsamkeit
    • Regelmäßige Bewegung und Meditation erhöht die Körperbewusstheit und verlangsamt dadurch den Moment.
    • Berührt sein – in jeder Form.
    • Ein sinnliches Leben anstreben und Genuss spüren.
    • Sich überraschen lassen und neugierig bleiben.
  • Achtsamkeit und bewusste Wahrnehmung
    • Achtsamkeit üben durch volle Konzentration auf die aktuelle Tätigkeit.
    • Aufgaben bewusst langsamer machen (auch Fahrrad fahren und an roten Ampeln warten ;-D)
    • Die Wahrnehmung ausdehnen, sich der Umgebung und der Situation gewahr werden um den Moment zu dehnen.
    • Tagebuch schreiben, Erinnerungen dokumentieren um Erlebnisse tiefer zu verarbeiten.
  • Durchbrechen der Routine
    • Eine neue Sprache, ein Instrument lernen o.ä., ein Hobby beginnen.
    • Kleine Alltagsgewohnheiten verändern – z.B. einen anderen Weg nach Hause finden, Möbel umstellen usw.
    • Orte besuchen, an denen man noch nie war.

Noch ein abschließender Gedanke. 
Es ist normal, dass das Zeitgefühl mit dem Älterwerden variiert. Indem wir bewegt und berührt bleiben, neugierig sind, achtsam leben und soziale Bindungen pflegen, können wir die subjektive Zeitwahrnehmung zumindest ein wenig beeinflussen und unser tägliches Leben vielleicht zufriedener und sinnlicher gestalten.

 

https://www.lmu.de/de/newsroom/newsuebersicht/news/social-media-warum-beim-scrollen-die-zeit-verfliegt-17bb03f6.html

https://www.zeit.de/news/2024-12/31/warum-die-zeit-gefuehlt-rast-und-wie-man-sie-etwas-aufhaelt